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Mit den Lebensmitteln, die jährlich weggeworfen werden, könnten die Hungernden der Welt dreimal satt werden!

aus dem Dokumentarfilm Taste the Waste

Dieses Zitat beleuchtet auf eindrucksvolle Weise, dass Lebensmittelverschwendung ein Symptom für ein ungerechtes globales Lebensmittelsystem ist und verweist auf eine ungeheure Schieflage: Während ein Teil der Weltbevölkerung im Überfluss lebt, sich zunehmend von der Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln entfernt und entfremdet, leiden immer noch über 800 Millionen Menschen an Hunger und Armut. Ein Großteil der an Hunger leidenden Menschen sind dabei KleinbäuerInnen oder FeldarbeiterInnen aus Ländern des sogenannten „Globalen Südens“, die nicht selten ihre Felder und ihre Arbeitskraft für die Erzeugung von Lebensmitteln einsetzen, die nach Europa exportiert werden – seien es Sojabohnen aus Brasilien, die als Tierfutter für unsere Massentierhaltungsanlagen benötigt werden oder Bananen aus Kamerun, um unseren steigenden, ganzjährigen Appetit nach Südfrüchten zu stillen.

Der Kurzfilm „Waste“ hat die weltweiten Dimensionen und Auswirkungen von Lebensmittelverschwendung in wenigen Minuten anschaulich visualisiert:

 

Auch zukünftig wird die Eindämmung von Lebensmittelverschwendung eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig mit Lebensmitteln versorgt werden kann. Denn die Landwirtschaft verbraucht über zwei Drittel unserer Wasserressourcen, über siebzig Prozent der jährlichen Waldrodung entsteht aufgrund neuer Anbauflächen und die Erzeugung, Verarbeitung und der Transport von Lebensmitteln erzeugen exorbitante CO2 – Ausstöße. Dabei könnte ein hoher Anteil des Ressourcenverbrauchs vermieden werden, denn laut Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO, 2013) landen bis zur Hälfte aller Lebensmittel auf dem Müll.

Die Rolle der Ernährungsbildung

Die Zahlen und Fakten zeigen, dass der Handlungsbedarf der Gesellschaft, um das lokale wie weltweite Lebensmittelsystem nachhaltig zu gestalten, sehr groß ist – dabei spielt das Einkaufs- und Essverhalten der VerbraucherInnen eine maßgebliche Rolle. Auch die Kultusministerkonferenz (09/2013) bekräftigt, dass die Wertschätzung von Lebensmitteln sowie die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung als zentrale Handlungsfelder an Schulen langfristig etabliert werden müssen. Denn was wir essen, wo wir es einkaufen und wie viel wir dafür ausgeben wollen, sind Entscheidungen, die in unserem Alltag geprägt werden. Die direkt erfahrbare und alltägliche Lebenswelt der Deutschen ist dabei jedoch von zwei Phänomenen geprägt, die eine nachhaltige Gestaltung des eigenen Ernährungsverhaltens erschweren:

Entfremdung und Überfluss

Beim Gang in den Supermarkt stehen wir als VerbraucherInnen jederzeit einem gigantischen Überfluss an verschiedensten Lebensmitteln aus aller Welt gegenüber. Die Fülle der Regale mit günstigen Nahrungsmitteln – in keinem europäischen Land sind die Lebensmittelpreise im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen so gering wie in Deutschland – spiegeln uns eine Scheinrealität endlos nutzbarer Ressourcen wieder. Wasserarmut, Landverknappung und die zunehmende Waldrodung sind ebenfalls wie Hunger und Armut Phänomene, die uns in der Regel nur in den Medien begegnen. Dass die globalen Ressourcen knapp und wertvoll sind, und viele der ErzeugerInnen unserer Lebensmittel nicht selten an oder unter der Armutsgrenze leben, ist nicht Teil unserer alltäglichen Lebensrealität. Zwar verbrauchen wir jeden Tag Lebensmittel, aber die Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln und das hierbei erworbene Wissen schwindet zunehmend aus unserem Alltag. Dadurch prägen sich Ernährungsgewohnheiten aus, die sich abgekoppelt haben von den Grundlagen der Erzeugung unserer Lebensmittel: der Arbeit des Landwirten und einer natürlichen und intakten Umwelt; diese schlagen sich im alltäglichen Umgang mit Lebensmitteln in einer geringen Wertschätzung und einem verschwenderischen Umgang nieder.

Überforderung

Nicht nur die endlose Auswahl an Lebensmitteln, sondern auch die Tatsache, dass Essen zunehmend problematisiert und politisiert wird, überfordert viele Menschen: Sie wehren sich gegen eine rationale Vereinnahmung ihres Essverhaltens – denn in einer zunehmend unsicheren Welt mit steigendem Alltagsstress ist Essen eine der letzten Bastionen, die das Gefühl von Sicherheit, Wohlgefühl und Genuss vermitteln. Umso mehr, da die Entwicklung einer sogenannten „nachhaltigen Ernährungskompetenz“ eine Anforderung ist, der im Alltag nicht (leicht) nachzukommen ist. So kommentiert die Soziologin Eva Koch (2012):

„Die komplexen Zusammenhänge im Ernährungssystem lassen eine nachhaltige Gestaltung des Essalltags zu einer schwer erfüllbaren Aufgabe werden, mit der sich viele Individuen gar nicht erst belasten möchten.“

Und tatsächlich sind die Erwartungen an das moderne Individuum hoch: Im Einkaufskorb sollen nur Lebensmittel landen, die ökologisch, fair, saisonal und regional hergestellt wurden, möglichst wenig tierische Lebensmittel sowie überwiegend Erzeugnisse, die für die Gesundheit förderlich sind; bei der Verarbeitung ist darauf zu achten, dass energie- und umweltschonend sowie gesundheitsfördernd gekocht wird. Zu allen Aspekten gibt es bereits eine Fülle an Ratgebern, die ausführlich und teils widersprüchlich Auskunft über nachhaltige Ernährung geben.
Die didaktische Herausforderung für das Vermitteln von nachhaltiger Ernährungskompetenz lautet folglich:

Wie können Kinder und Jugendliche motiviert werden, sich bei zunehmender Entfremdung und steigender, moralischer Überforderung mit nachhaltigen Essgewohnheiten auseinander zu setzen und sich zudem motiviert fühlen, das Gelernte auf ihren eigenen Alltag zu übertragen?

Teller statt Tonne

Das Schulprojekt „Teller statt Tonne“ möchte hier die motivationale Kraft eines praxis- und erlebnisorientierten Zugangs zum Thema „Lebensmittelverschwendung und deren Auswirkungen auf die globale Ernährungssituation“ nutzen.

 

Das erntende Klassenzimmer

Der Acker wird für einen Tag zur Schule, indem die Kinder und Jugendlichen gemeinsam mit einem Lehrer einen nahegelegenen, ökologischen Hof besuchen und Gemüse ernten, das zu klein, zu groß oder zu unförmig für den Handel ist. Neben dem Ernten führt die/der LandwirtIn die Kinder und Jugendlichen über seine Felder, durch Ställe und Scheunen und gibt so Einblicke in das Leben und Arbeiten auf ihrem/ seinem Hof. Anschließend wird mit dem nicht marktkonformen Gemüse ein leckeres Essen gekocht und so ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung gesetzt.

Zielsetzungen

  • Sinneserfahrungen: Kinder und Jugendliche lernen mit allen Sinnen – indem sie riechen, schmecken und fühlen – wie Lebensmittel auf dem Hof erzeugt und in der Küche verarbeitet werden, und erhalten dadurch eine unmittelbare Nähe zur Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln.
  • Sie nehmen aktiv an der Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln teil, und werden so für einen Tag zu „Ko-ProduzentInnen“.
  • Die Hofführung und das gemeinsame Ernten ermöglichen einen direkten Kontakt mit den ErzeugerInnen und ihrer Arbeit.
  • Das gemeinsame Kochen vermittelt unmittelbare Alltagskompetenzen bei der Verarbeitung von Lebensmitteln; Kinder und Jugendliche erhalten dadurch einen direkten Selbstbezug zum Lebensmittelhandwerk

Der Blick über den Tellerrand

Neben dem erlebnisorientierten Projekttag bieten Ihnen verschiedene Methoden und Materialien sowie ein weltweiter Blog die Möglichkeit, die Thematik „Lebensmittelverschwendung und deren Auswirkungen auf die globale Ernährungssituation“ im Klassenzimmer näher zu beleuchten.

Zielsetzungen

  • Kinder und Jugendliche werden für die globale Ernährungssituation sensibilisiert und werden dazu befähigt, die als normal erachteten Vermarktungspraktiken kritisch zu hinterfragen.
  • Durch die Vermittlung von Handlungswissen wird den Kindern und Jugendlichen ermöglicht, mit ihrem Ess- und Einkaufsverhalten im lokalen sowie im weltweiten Lebensmittelsystem Verantwortung zu übernehmen.
  • Der weltweite Blog ermöglicht einen direkten Austausch mit Kindern und Jugendlichen aus dem Globalen Süden und ihren Umgang mit Lebensmitteln
    Im Mittelpunkt steht die Freude an der gemeinsamen Ernte und Verarbeitung von Lebensmitteln